💊 Methenamin – das Wundermittel gegen Blasenentzündungen?
Stand: August 2026
Ein farbloses Salz, das erst im sauren Urin aktiv wird – und dort Bakterien abtötet. Methenamin (auch Urotropin genannt) ist kein klassisches Antibiotikum, sondern ein sogenanntes Harnantiseptikum. Und seit 2026 ist es erstmals auch in Deutschland als zugelassenes Arzneimittel verfügbar.
Ein Desinfektionsmittel für die Blase?
So ungefähr, ja.
Methenamin selbst wirkt gar nicht. Es wird geschluckt, im Darm aufgenommen und über die Niere in den Harn ausgeschieden. Erst dort – und nur, wenn der Urin sauer genug ist – zerfällt es zu Formaldehyd. Genau, das Zeug aus der Desinfektion und Konservierung. 😳
Formaldehyd hemmt den Stoffwechsel der Bakterien. Sie können sich nicht mehr vermehren und werden mit dem Urin ausgeschieden.
Laut Fachinformation ist der Urin bereits 30 Minuten nach der Einnahme antibakteriell wirksam.
Und das hilft wirklich?
Zwei Studien habe ich für dich gefunden:
Die ALTAR-Studie aus Newcastle (UK). 240 Frauen mit wiederkehrenden Blasenentzündungen. Eine Hälfte bekam eine antibiotische Dauerprophylaxe, die andere zweimal täglich Methenamin. Ergebnis: Beide Gruppen hatten deutlich weniger Infekte – grob gesagt etwa einer statt sechs pro Jahr. Methenamin war der Antibiotika-Prophylaxe nicht unterlegen.
In einer randomisierten, doppelblinden Cross-over-Studie traten insgesamt 52 akute Infektepisoden auf: 11 davon unter Methenaminhippurat, 41 unter Placebo.
Der eigentliche Clou ist aber ein anderer: Weil Formaldehyd ein unspezifisches chemisches Zellgift ist und nicht an einem einzelnen bakteriellen Zielmolekül angreift, entwickeln Bakterien so gut wie keine Resistenzen dagegen.
Warum der Urin-pH über alles entscheidet
Ist der Urin nicht sauer genug (Ziel: pH unter 6), findet die Umwandlung zu Formaldehyd kaum statt. Die Wirkung ist dann abgeschwächt oder praktisch aufgehoben. Deshalb wird laut Fachinformation bei alkalischem Urin-pH die zusätzliche Gabe eines Säuerungsmittels nötig – häufig eingesetzt wird dafür Ascorbinsäure, wobei die Datenlage zur zuverlässigen Ansäuerung des Harns damit durchaus diskutiert wird.
Gegen welche Keime wirkt es – und gegen welche nicht?
Wirksam gegen die typischen Verursacher, allen voran E. coli und Aerobacter aerogenes.
Deutlich schwächer wirkt es gegen harnstoffspaltende Bakterien wie Proteus-Stämme und Pseudomonas. Der Grund ist logisch: Diese Keime spalten Harnstoff zu Ammoniumhydroxid, das den Urin-pH anhebt – und sich damit selbst gegen den Wirkmechanismus schützt.
Wer also weiß, dass bei ihr regelmäßig Proteus oder Pseudomonas nachgewiesen werden: Methenamin ist hier wahrscheinlich nicht die passende Strategie. (Zum Thema Nicht-E.-coli-Erreger gibt es bei uns eine eigene Podcastfolge.)
Und wo ist der Haken? Das Thema Formaldehyd
Formaldehyd hat in Europa keinen guten Ruf – zu Recht. Das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung stuft es als schleimhautreizend und als krebserregend im Nasen-Rachen-Raum ein. Das bezieht sich allerdings auf das Einatmen über längere Zeit und in hoher Konzentration, nicht auf die Mengen, die bei therapeutischer Dosierung im Harn entstehen.
Der wissenschaftliche EU-Ausschuss SCHER hält fest, dass bei Patient:innen unter Langzeitprophylaxe mit bis zu 4.000 mg Methenamin täglich keine entsprechenden Nebenwirkungen beobachtet wurden.
💊 Update: Cystohipp ist da
Am 14. November 2025 wurde Cystohipp® 1 g Tabletten in Deutschland zugelassen – das erste und bislang einzige Fertigarzneimittel mit Methenaminhippurat auf dem deutschen Markt. Hersteller ist Dr. Pfleger Arzneimittel als Lizenzpartner von EQL Pharma.
Aktuell ist das Präparat jedenfalls über deutsche Apotheken und die Shop-Apotheke beziehbar.
Die Eckdaten laut Fachinformation:
-Verschreibungspflichtig
– Zugelassen zur **Prophylaxe rezidivierender unkomplizierter Harnwegsinfekte – nicht zur Behandlung eines akuten Infekts.
– Erwachsene und Jugendliche ab 12 Jahren: 2 × täglich 1 g. Bei Katheterträger:innen kann auf 3 × täglich erhöht werden. Kinder von 6 bis 12 Jahren: 2 × täglich 0,5 g. Unter 6 Jahren liegen keine Daten vor.
– Einnahme mit oder ohne Mahlzeit möglich, Tabletten sind teilbar.
International kennst du den Wirkstoff wahrscheinlich als Hiprex® – so heißt er in Großbritannien, den USA, Australien und Skandinavien.
Wann Methenamin nicht wirkt
– bei alkalischem Urin (siehe oben)
– bei akuter, schwerer Infektion – es ist kein Ersatz für ein Antibiotikum
– bei überwiegend harnstoffspaltenden Erregern
Gegenanzeigen laut Fachinformation
– Niereninsuffizienz
– schwere Dehydrierung
– Gicht
– Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff oder gegen Formalin
(Hinweis: In älteren, internationalen Quellen taucht zusätzlich die schwere Lebererkrankung als Gegenanzeige auf. Die deutsche Fachinformation zu Cystohipp nennt Niereninsuffizienz, Dehydrierung und Gicht.)
Wechselwirkungen
– Sulfonamide – erhöhtes Risiko für Kristallbildung im Urin (Kristallurie). Nicht gleichzeitig einnehmen.
– Antazida und alkalisierende Substanzen – schwächen die Wirkung ab.
Schwangerschaft und Stillzeit
Es liegen Daten aus 300 bis 1.000 dokumentierten Schwangerschaften vor, ohne Hinweise auf Fehlbildungen oder fetale Toxizität. Trotzdem ist die Anwendung in der Schwangerschaft vorsichtshalber zu vermeiden, weil die tierexperimentellen Daten unzureichend sind. In der Stillzeit ist die Anwendung möglich – empfohlen wird eine Stillpause von vier Stunden nach der Einnahme.
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Quellen
– Gelbe Liste: Neueinführung Cystohipp – Methenamin zur Prophylaxe rezidivierender Harnwegsinfektionen
– Fachinformation Cystohipp® 1 g Tabletten (fachinfo.de)
– ifap: Methenamin-Hippurat – neu bei wiederkehrenden HWI
– Pharmazeutische Zeitung: Prophylaxe von Harnwegsinfekten – Neues Antiseptikum im Handel
– DocCheck Flexikon: Methenaminhippurat
– ALTAR-Studie, Newcastle University (BMJ 2022)
– Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), Stellungnahme zu Formaldehyd
– SCHER (Scientific Committee on Health and Environmental Risks), EU
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*Dieser Beitrag dient ausschließlich Informationszwecken und ersetzt keine ärztliche Beratung. Ich bin keine Ärztin. Cystohipp ist verschreibungspflichtig – ob eine Methenamin-Prophylaxe für dich in Frage kommt, entscheidet allein deine behandelnde Ärztin oder dein behandelnder Arzt. Dieser Text ist keine Werbung.*
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