Was ist eine Immuntherapie gegen Blasenentzündung?

Wer ständig mit wiederkehrenden Harnwegsinfekten kämpft, bekommt meistens Antibiotika – immer wieder. Mit allen bekannten Folgen: Resistenzen, geschwächtes Mikrobiom, Pilzinfektionen, der berüchtigte Antibiotika-Teufelskreis.

Immuntherapien gehen einen anderen Weg. Sie behandeln nicht die akute Infektion, sondern trainieren dein Immunsystem so, dass es Bakterien erkennt und abwehrt, bevor sie eine Entzündung auslösen können. Das Prinzip ähnelt einer Impfung – nur dass der Schutz nicht ein Leben lang hält, sondern für einige Monate bis Jahre.

Weltweit gibt es mehrere zugelassene Präparate. Sie unterscheiden sich in:

  • Verabreichungsform (Tablette, Spritze, Spray)

  • Bakterienstämmen, gegen die sie wirken

  • Wirksamkeit und Studienlage

  • Verfügbarkeit in deinem Land

Wie funktionieren Immuntherapien gegen Harnwegsinfekte?

Die meisten dieser Präparate basieren auf inaktivierten Bakterien (Totimpfstoffen) – also abgetöteten Bakterien, die keine Infektion mehr auslösen können, aber das Immunsystem noch erkennen. Der Körper baut daraufhin eine gezielte Immunantwort gegen die häufigsten Auslöser von Harnwegsinfekten auf, allen voran E. coli, das bei rund 65–75 % aller Blasenentzündungen verantwortlich ist.

Vereinfacht gesagt: Dein Immunsystem bekommt eine „Übungseinheit“. Wenn die echten Erreger das nächste Mal in die Blase aufsteigen, sind sie nicht mehr neu – und das Immunsystem reagiert schneller und effektiver.

Welche Immuntherapien gibt es aktuell?

Uro-Vaxom® (OM-89) – die orale Tablette

  • Verabreichung: Eine Kapsel täglich für 90 Tage, danach Booster über 3 Monate

  • Inhalt: Lysate (Zellbestandteile) von 18 abgetöteten E.-coli-Stämmen

  • Verfügbarkeit: Zugelassen in über 30 Ländern, darunter Deutschland, Österreich, Schweiz, Frankreich, Belgien, Ungarn

Wirksamkeit: Die ältere Studienlage war positiv. Eine Meta-Analyse zeigte, dass Uro-Vaxom die Zahl der Infekte über 6 Monate signifikant reduzierte und etwa doppelt so viele Frauen ohne Rückfall blieben wie unter Placebo [1]. Eine retrospektive Studie zeigte einen Rückgang von 3,14 auf 1,53 Infekten pro Jahr [2].

Wichtig zu wissen: Eine aktualisierte Meta-Analyse aus 2025 (Minerva Urology and Nephrology) zeigt jedoch, dass die Wirksamkeit in neueren Studien deutlich nachlässt [3]. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass Uro-Vaxom möglicherweise nicht mehr als zuverlässige Option angesehen werden kann. Trotzdem wird das Präparat in der S3-Leitlinie der DGU weiterhin empfohlen, vor allem als Alternative vor dem Beginn einer antibiotischen Langzeitprophylaxe [4].

StroVac® – die intramuskuläre Injektion

  • Verabreichung: Drei Spritzen im Abstand von je zwei Wochen, jährlicher Booster empfohlen

  • Inhalt: Inaktivierte Bakterien von E. coli, Klebsiella pneumoniae, Proteus mirabilis, Proteus morganii und Enterococcus faecalis

  • Verfügbarkeit: Hauptsächlich in Deutschland und Österreich

Wirksamkeit: Eine prospektive, doppelblinde, placebokontrollierte Studie mit 376 Patientinnen zeigte über einen Beobachtungszeitraum von 13,5 Monaten eine signifikante Reduktion der Infekte gegenüber Placebo [5]. Eine Vergleichsstudie mit dem Antibiotikum Nitrofurantoin zeigte: Im ersten Jahr waren 86,8 % der StroVac-Patientinnen erfolgreich (höchstens ein Infekt), im zweiten Jahr (mit Booster) noch 79,3 % – während die Erfolgsrate unter Antibiotika auf 59,2 % abfiel [6]. Nebenwirkungen sind selten (2,3 % vs. 18,4 % unter Nitrofurantoin).

Uromune® (MV140) – das Sublingualspray

  • Verabreichung: Zweimal tägliches Sprühen unter die Zunge über 3 Monate

  • Inhalt: Inaktivierte Bakterien von E. coli, Klebsiella pneumoniae, Enterococcus faecalis und Proteus vulgaris

  • Verfügbarkeit: In rund 26 Ländern erhältlich (z. B. Spanien, Großbritannien, Schweden, Belgien, Mexiko); in Deutschland und Österreich nicht verfügbar.

Wirksamkeit: Hier ist die Studienlage besonders gut. Eine randomisierte, placebokontrollierte Studie aus Spanien und Großbritannien (NCT02543827) mit 240 Frauen zeigte eine signifikante Reduktion der Infekte über 12 Monate [7]. Eine nordamerikanische Beobachtungsstudie berichtete eine Reduktion der Infektionsrate um 75,3 % über 9 Monate; 40,6 % der Frauen blieben in dieser Zeit komplett infektionsfrei [8]. Eine portugiesische Real-World-Studie zeigte, dass 93 % der Patientinnen weniger Infekte hatten und 38 % komplett beschwerdefrei wurden [9]. Aktuelle Übersichtsarbeiten beziffern die Effektivität auf 50–90 % über 12 Monate [10].

ExPEC4V – der gestoppte Impfstoff

ExPEC4V war ein experimenteller Impfstoff von Janssen (Johnson & Johnson). Frühe Studien waren vielversprechend, doch die Phase-3-Studie wurde wegen enttäuschender Ergebnisse gestoppt. Eine Weiterentwicklung ist aktuell nicht geplant.

Autovakzine – die personalisierte Impfung

Autovakzine sind individuell hergestellte Impfstoffe aus den eigenen Erregern der Patientin. Theoretisch elegant – praktisch aber problematisch:

  • In Deutschland wurde die Herstellung 2024 untersagt.

  • In Österreich ist die Verfügbarkeit stark eingeschränkt.

  • Hochwertige randomisierte Studien fehlen weitgehend.

Autonosoden – der homöopathische Ansatz

Autonosoden sind individuell aus Erregern oder Körperflüssigkeiten der Patientin hergestellte homöopathische Präparate (meist als Nasenspray). Die wissenschaftliche Evidenz für ihre Wirksamkeit fehlt. In der medizinischen Leitlinienwelt werden sie nicht als Therapieoption geführt.

Welche Immuntherapie passt zu mir?

Es gibt keine Universalantwort, aber ein paar grobe Orientierungspunkte:

  • Wer keine Spritzen mag: Uro-Vaxom (Tablette)

  • Wer den stärksten Studienbeleg möchte: Uromune/MV140 hat aktuell die beste Evidenzlage

  • Wer in Deutschland/Österreich lebt und schnell Zugang braucht: Uro-Vaxom und StroVac sind problemlos verfügbar

  • Wer mehrere Erreger gleichzeitig abdecken will: StroVac und Uromune (Mehrkomponenten-Präparate)

In jedem Fall sollte die Entscheidung gemeinsam mit einer urologischen Fachärztin oder einem Facharzt getroffen werden – idealerweise mit jemandem, der sich mit rezidivierenden Harnwegsinfekten gut auskennt.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Sind Immuntherapien gegen Blasenentzündung Impfungen im klassischen Sinn? Im weiteren Sinn ja – sie nutzen das Prinzip der Immunisierung, also das gezielte Training des Abwehrsystems. Anders als klassische Impfungen schützen sie aber nicht jahrzehntelang, sondern meistens für 6–24 Monate. Auffrischungen sind je nach Präparat empfohlen.

Werden Immuntherapien von der Krankenkasse bezahlt? Das hängt vom Land, der Kasse und der individuellen Situation ab. Frag direkt bei deiner Kasse nach.

Welche Nebenwirkungen haben diese Therapien? Insgesamt sind sie sehr gut verträglich. Mögliche Nebenwirkungen sind leichte Magen-Darm-Beschwerden, Kopfschmerzen, lokale Reaktionen an der Einstichstelle (StroVac) oder ein leichter Geschmack im Mund (Uromune). Schwere Nebenwirkungen sind selten.

Wie schnell wirkt eine Immuntherapie? Der volle Effekt baut sich in der Regel über die ersten 3 Monate auf. In dieser Anfangszeit kann es noch zu Infekten kommen – das ist kein Versagen der Therapie, sondern Teil des Aufbaus.

Kann ich Immuntherapien mit anderen Maßnahmen kombinieren? Ja, und das ist sogar sinnvoll. Mikrobiom-Aufbau, ausreichend Trinken, eventuell pflanzliche Mittel und gegebenenfalls eine lokale Östrogentherapie (in den Wechseljahren) ergänzen sich gut mit einer Immuntherapie.

Was, wenn die Immuntherapie nicht wirkt? Nicht jede Therapie wirkt bei jeder Patientin gleich. Wenn nach einem vollständigen Behandlungszyklus keine Verbesserung eintritt, lohnt es sich, andere Ursachen abzuklären(Östrogenmangel, anatomische Faktoren, Stress, Mikrobiom) und gegebenenfalls auf ein anderes Präparat zu wechseln.


Quellen

[1] Bauer, H. W. et al. (2005). A long-term, multicenter, double-blind study of an Escherichia coli extract (OM-89) in female patients with recurrent urinary tract infections. European Urology. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK78364/

[2] Lorenzo-Gómez, M. F. et al. (2020). A Retrospective Study of Immunotherapy Treatment with Uro-Vaxom (OM-89®) for Prophylaxis of Recurrent Urinary Tract Infections. Current Urology. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC7659410/

[3] Porto, B. C. et al. (2025). Uro-vaxom (OM-89) for chronic UTI prevention: an updated meta-analysis, meta-regression and trial sequential analysis of recent clinical evidence. Minerva Urology and Nephrology. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/40932479/

[4] Deutsche Gesellschaft für Urologie (DGU) (2024). S3-Leitlinie: Epidemiologie, Diagnostik, Therapie, Prävention und Management unkomplizierter, bakterieller, ambulant erworbener Harnwegsinfektionen bei Erwachsenen. AWMF-Registernummer 043/044. https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/043-044

[5] Nestler, S. et al. (2023). Prospective multicentre randomized double-blind placebo-controlled parallel group study on the efficacy and tolerability of StroVac® in patients with recurrent symptomatic uncomplicated bacterial urinary tract infections. International Urology and Nephrology. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC9870822/

[6] Nestler, S. et al. (2021). Efficacy of vaccination with StroVac for recurrent urinary tract infections in women: a comparative single-centre study. International Urology and Nephrology. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/34499326/

[7] Lorenzo-Gómez, M. F. et al. (2022). Reducing Recurrent Urinary Tract Infections in Women with MV140 Impacts Personal Burden of Disease. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC10995795/

[8] Carrión-López, P. et al. (2024). MV140 sublingual vaccine reduces recurrent urinary tract infection in women: Results from the first North American clinical experience study. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC10841562/

[9] Ramos-Martínez, A. et al. (2024). Immunoprophylaxis with MV140 Is Effective in the Reduction of Urinary Tract Infections—A Prospective Real-Life Study. Vaccines. https://www.mdpi.com/2076-393X/12/12/1426

[10] Nickel, J. C. et al. (2023). An Effective Sublingual Vaccine, MV140, Safely Reduces Risk of Recurrent Urinary Tract Infection in Women. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC10052183/


Dieser Artikel ersetzt keine medizinische Beratung. Die Auswahl einer geeigneten Immuntherapie sollte immer gemeinsam mit einer urologischen Fachärztin oder einem Facharzt erfolgen.

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