Forskolin und die indische Buntnessel – was wirklich dahintersteckt

Stand: August 2026

Forskolin ist eines der Themen, nach dem in der Blasen-Community am häufigsten gefragt wird. 

Die Pflanze

Die indische Buntnessel (Coleus forskohlii, botanisch heute meist Plectranthus barbatus) wächst in Indien, tropischem Afrika, China und auf der arabischen Halbinsel. In der ayurvedischen Medizin wird sie traditionell verwendet, unter anderem bei Atemwegs- und Herzbeschwerden.

Bevor wir über Forskolin reden: Warum kommen die Infekte überhaupt wieder?

Lange galt die wiederkehrende Blasenentzündung als reine Neuinfektion – Bakterien kommen von außen, Antibiotikum geben, fertig, und beim nächsten Mal kommen halt neue. Diese Vorstellung ist inzwischen überholt.

E. coli können in die oberflächlichen Deckzellen der Blasenschleimhaut eindringen und sich dort im Zellinneren vermehren. Es entstehen dichte Ansammlungen, sogenannte intrazelluläre bakterielle Gemeinschaften (IBCs). Später können sich daraus ruhende Reservoirs in tieferen, unreifen Zellschichten bilden. Um der Ausschwemmung durch Abstoßung der Zellen zu entgehen, richten sich die Erreger dort dauerhaft und still ein – ein Reservoir, aus dem heraus erneute akute Infekte entstehen können. Harnwegsinfekte sind damit deutlich chronischer und invasiver, als lange angenommen wurde.

Wenn du dich also je gefragt hast, warum die Beschwerden zwei Wochen nach dem Antibiotikum wieder da sind, obwohl du alles „richtig“ gemacht hast: Es könnte an einem Versteck liegen, das ein normaler Urinkultur-Befund gar nicht erfassen kann.

Was Forskolin im Experiment tatsächlich macht

Und genau hier setzt die Duke-Studie an, die gerne zitiert wird.

Bishop und Kolleg:innen zeigten 2007 in Nature Medicine: Uropathogene E. coli gelangen in bestimmte Speicherbläschen im Inneren der Blasenepithelzellen. Dort entgehen sie der Ausschwemmung beim Wasserlassen und tauchen später wieder im Urin auf, wenn sich die Blase dehnt. Behandelte man infizierte Mäuse mit einer Substanz, die den Botenstoff cAMP in der Zelle erhöht und dadurch die Ausschleusung dieser Vesikel auslöst, sank die Zahl der intrazellulären E. coli.

Diese Substanz war Forskolin.

Verabreicht wurde es den Mäusen direkt in die Blase oder intravenös. Damit wurden über 75 Prozent der im oberflächlichen Blasenepithel versteckten Bakterien ausgeschleust – und für eine Antibiotikabehandlung wieder angreifbar gemacht.

Forskolin aktiviert das Enzym Adenylatzyklase, cAMP steigt, und die Zelle stößt ihre Vesikel samt Inhalt nach außen aus. Ein Auswurfmechanismus, kein Weiten.

2015 zeigte eine Gruppe im American Journal of Pathology, dass Forskolin auch in Nierentubuluszellen die Zahl lebender intrazellulärer Bakterien senkt, die Ausschleusung erhöht und offenbar das Eindringen von E. coli überhaupt hemmt – zusätzlich wirkt cAMP entzündungshemmend.

Und was ist jetzt mit „Biofilm“?

Was Forskolin adressiert, sind intrazelluläre Bakterien – im Inneren der Zellen. Diese IBCs entstehen, wenn sich E. coli im Zytosol der oberflächlichen Blasenepithelzellen zu großen Einschlüssen vermehren. In der Originalliteratur wurden sie 2003 einmal als „biofilmartige Pods“ beschrieben – daher stammt die Verwechslung.

Ein klassischer Biofilm ist etwas anderes: eine extrazelluläre Schleimmatrix, die Bakterien auf einer Oberfläche bilden, etwa auf einem Katheter oder auf der Blasenwand. Gegen die macht Forskolin mechanistisch nichts. Es öffnet Zellen, es löst keine Matrix auf.

Es gibt keine Studie am Menschen. Alles, was wir haben, ist Mausmodell und Zellkultur. Beim Bad Honnef-Symposium 2018 wurde Forskolin ausdrücklich unter „experimentelle Ansätze“ geführt – in die Klinik übersetzt haben sich bislang nur Strategien, die das angeborene Immunsystem beeinflussen. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

In der Duke-Studie wurde Forskolin in die Blase instilliert oder in die Vene gegeben. Kapseln aus dem Internet werden geschluckt. Ob orales Forskolin überhaupt Konzentrationen im Blasenepithel erreicht, die eine Exozytose auslösen, ist schlicht ungeklärt – die orale Bioverfügbarkeit gilt als schlecht.

Die Mäuse wurden zwei Stunden nach der Infektion behandelt, und zwar in Kombination mit Antibiotika. Das ist logisch: Bakterien aus ihrem Versteck zu treiben, ohne dass gleichzeitig etwas im Urin auf sie wartet, könnte einen akuten Infekt eher auslösen als verhindern. 

Forskolin ist kein harmloses Kräutlein. Es aktiviert die Adenylatzyklase und erhöht cAMP im ganzen Körper. Beschrieben sind unter anderem Effekte auf Blutfluss und Thrombozytenaggregation, blutdrucksenkende und gefäßerweiternde Wirkungen sowie bronchienerweiternde Effekte. Das heißt konkret: Vorsicht bei Blutdruckmedikamenten, bei Gerinnungshemmern und vor Operationen.

Der Markt für Forskolin ist ein Abnehm- und Bodybuilding-Markt. Extraktgehalte schwanken erheblich, und ein Präparat, das auf Fettverbrennung beworben wird, ist auf nichts standardisiert, was für die Blase relevant wäre.

Wenn Infekte immer wieder kurz nach dem Absetzen zurückkommen, ist ein intrazelluläres Reservoir eine plausible Erklärung. Wie dieses Reservoir aufgelöst werden kann, bleibt weiterhin ein Rätsel.

 

Quellen

Bishop BL, Duncan MJ, Song J et al. Cyclic AMP-regulated exocytosis of Escherichia coli from infected bladder epithelial cells. Nature Medicine 2007;13(5):625–630.

Anderson GG et al. Intracellular bacterial biofilm-like pods in urinary tract infections. Science 2003;301:105–107.

Mulvey MA et al. Establishment of a persistent Escherichia coli reservoir during the acute phase of a bladder infection. Infection and Immunity 2001.

Blango MG, Mulvey MA et al. Forced resurgence and targeting of intracellular uropathogenic Escherichia coli reservoirs. PLoS ONE 2014.

Chen L et al. Activation of endogenous anti-inflammatory mediator cyclic AMP attenuates acute pyelonephritis in mice induced by uropathogenic Escherichia coli. American Journal of Pathology 2015;185(2):472–484.

Hunstad DA, Justice SS. Host–pathogen checkpoints and population bottlenecks in persistent and intracellular uropathogenic E. coli bladder infection. FEMS Microbiology Reviews 2012;36(3):616–648.

Memorial Sloan Kettering Cancer Center, Integrative Medicine: Monographie Forskolin.

Bad Honnef-Symposium 2018: Chronisch rezidivierende Harnwegsinfektionen – wie vermeiden und behandeln?

Dieser Beitrag dient ausschließlich Informationszwecken und ersetzt keine ärztliche Beratung. Ich bin keine Ärztin. Dieser Text ist keine Werbung und keine Kaufempfehlung.

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